Georg Toepfer
Philosophie der Biologie, Einleitung

Die Biologie entwickelt sich zur neuen Leitwissenschaft. Sie bestimmt zunehmend das Bild von naturwissenschaftlicher Forschung. Hohe Erwartungen werden an sie gestellt in ihrer Rolle, Grundlagen für medizinische Entwicklungen und die Nahrungsmitteltechnologie oder ökologische Einsichten bereitzustellen. Selbst Forschungsprojekte, die nicht primär durch eine biologische Fragestellung motiviert sind, verweisen inzwischen zu ihrer Rechtfertigung häufig auch auf möglichen biologischen Erkenntnisfortschritt.
Aber auch unabhängig von der Frage ihrer Verwertbarkeit haben die Erkenntnisse der Biologie großen Einfluss auf Selbstbild und Weltbild des Menschen. Allein die Tatsache, dass Lebensprozesse heute auf molekularer Ebene erklärt werden können, bringt eine starke Polarisierung mit sich, denn sie führt gleichzeitig zu einer weiteren Mechanisierung des Naturverständnisses und zum Staunen über das so wundersam erscheinende Zusammenspiel der beteiligten Komponenten. Wo der Mensch selbst Gegenstand der Forschung wird, verstärkt sich der Zwiespalt weiter: Der Feststellung, dass der Mensch zahlreichen biologischen Determinationen unterliegt (genetischen, neurobiologischen und ökologischen) steht seine Emanzipation von diesen Faktoren gegenüber. Die Rezeption der Biologie bewegt sich somit zwischen den beiden Polen der Demütigung und der Hoffnung. So manche gesellschaftlich geführte Debatte ist dabei aber auch von Missverständnissen und vom Bezug auf wissenschaftlich nicht mehr aktuelle Ansichten gekennzeichnet, etwa vom Dogma eines ebenso wenig haltbaren wie falsch verstandenen genetischen Determinismus.
Eine Aufgabe der Philosophie der Biologie ist es daher, solch unkritischem Gebrauch und sorglosem Für-wahr-Halten von Resultaten der Biowissenschaften ebenso wie deren Verteufelung eine Analyse der Grundlagen der in Frage stehenden Wissenschaft selbst entgegenzusetzen. Diese muss eine Klärung ihrer Grundbegriffe umfassen, der ontologischen Voraussetzungen, welche die Biologie macht, spezieller Arten von Erklärungen, die sie nutzt, und der ihr eigenen Typen von Theorien. Neben der wissenschaftlichen und ethischen Abschätzung von Technikfolgen ist vor allem ein solches philosophisch reflektiertes Verständnis der Grundlagen unerlässlich für den verantwortungsvollen Umgang mit den Biowissenschaften und den von ihr eröffneten technischen Möglichkeiten. In den philosophischen Diskurs über diese Grundlagen möchte der vorliegende Band einführen. Er stellt die grundlegenden Probleme und den aktuellen Stand der philosophischen Reflexion der Biologie dar.
Die Philosophie der Biologie bildet ein relativ junges Feld der Philosophie. Zu einem einheitlichen, disziplinär geordneten Forschungsfeld entwickelt sie sich erst im 20. Jahrhundert. Ebenso wie die Biologie selbst hat sie aber ihre historischen Wurzeln in der Antike. Besonders die umfangreichen Schriften des Aristoteles zur Zoologie enthalten Antworten auf Fragen nach dem Wesen des Lebewesens und dessen ontologischen und epistemologischen Status, die auch in der modernen systematischen Diskussion eine große Rolle spielen. Einen weiteren klassischen Bezugspunkt hat die Philosophie der Biologie in Kants Theorie der Teleologie des Organischen und seiner Grundlegung eines Organismusbegriffs. Beides wird heute, in unmittelbare Nachfolge oder auch unter Absehung von dem transzendentalphilosophischen Rahmen, intensiv weiter verfolgt.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat die Philosophie der Biologie unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Zu Beginn des Jahrhunderts steht sie unter dem Titel der »Theoretischen Biologie« (Reinke 1901) oder der »Philosophie des Organischen« (Driesch 1909). Ansatzpunkt beider Strömungen sind die Resultate der empirischen Biologie. Die theoretische Biologie zielt darauf ab, die allgemeinen Lebensprinzipien zu identifizieren und bemüht sich, diese in einem System darzustellen. Die Debatten zur Philosophie des Organischen in dem ersten Drittel des 20. Jahrunderts sind vom Vitalismus-Mechanismus-Streit dominiert, d. h. von der Frage, ob zur Erklärung biologischer Phänomene nicht-physikalische Faktoren oder Kräfte angenommen werden müssen. Am prominentesten werden solche von Driesch postuliert (»Entelechie«), ausgehend von seinen entwicklungsbiologischen Experimenten. Zwischen der Antithese von Mechanismus und Vitalismus etabliert sich seit Anfang der 1930er Jahre ein dritter, sich als stärker methodisch orientiert verstehender Ansatz, der auf die nicht-physikalischen Konzepte der Biologie verweist und deren Verwendung durch die spezielle Organisation der Lebewesen erfordert sieht. Dieser Weg hat sehr unterschiedliche Ausformungen erfahren, neben verschiedenen holistischen Ansätzen (z. B. Haldane 1931; Meyer(-Abich) 1934) vor allem den der allgemeinen Systemtheorie (von Bertalanffy 1932).
Neben diesen von der Biologie selbst ausgehenden Ansätzen gab es immer auch Strömungen in der Philosophie der Biologie, die sich stark an der Philosophie der Physik orientierten, die maßgeblich für die Wissenschaftstheorie überhaupt war und weitgehend noch ist. Ihr Verfahren besteht darin, über die in der Wissenschaftstheorie der Physik etablierten Methoden das Vorhandensein oder die Abwesenheit spezifischer Eigenarten der biologischen Erkenntnisse deutlich zu machen (vgl. Woodger 1929, 1937; Nagel 1961). Bis heute wird dieses Verfahren immer wieder angewandt und bildet damit einen festen Bestandteil der Wissenschaftstheorie der Biologie.
Abgesehen von einigen einflussreichen Vorläufern (Beckner 1959) erfolgte die Begründung der Philosophie der Biologie im heutigen Sinn erst Anfang der 1970er Jahre. In den beiden richtungsweisenden einführenden Werken von Michael Ruse (1973) und David Hull (1974) wird zunächst vor allem die begriffliche Arbeit der Biologen, insbesondere der Evolutionsbiologen (z. B. Mayr 1963) aufgenommen und fortgeführt. Der alte Streit um Vitalismus und Mechanismus ist zwar verstummt, lebt aber in der Debatte um Teleologie und Funktionalität fort. Wird von biologischer Seite versucht, dem Problem durch die Bildung von Neologismen zu entkommen (»Teleonomie« oder »ultimate Ursachen«), so ist aufseiten der Philosophie eine vielschichtige und differenzierte Debatte um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit entbrannt, funktionale Analysen in der Biologie ohne Zuschreibung von intentionalen Zwecksetzungen zu betreiben.
In den 80er Jahren konsolidiert sich die Disziplin und gewinnt zugleich immer mehr an Bedeutung. Der Forschungsansatz ist nun fest in das disziplinäre Umfeld integriert, nicht nur im Hinblick auf die Philosophie, sondern auch und gerade mit Bezug auf die Biologie (vgl. Ruse 1988). In vielen Feldern hat sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Biologen und Philosophen etabliert, die eine Klärung zahlreicher Detailfragen der begrifflichen und theoretischen Grundlagen der Biologie erreicht hat. Die Gründung einer Zeitschrift für die Philosophie der Biologie erfolgt im Jahr 1986 (Biology and Philosophy). Diese bildet ein Forum intensiver Fachdebatten und zugleich ein von außen gut wahrnehmbares Zeichen der Aktivität und Vielschichtigkeit dieser eben doch jungen Disziplin.
Die hier vorliegende »Einführung in die Philosophie der Biologie« ist auf eine theoretisch breitgefächerte Darstellung angelegt. Bei den einzelnen Beiträgen handelt es sich um Originalaufsätze, die einen Überblick über das jeweilige Themenfeld geben. Der Band insgesamt soll eine ausgewogene einführende Vorstellung der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Biologie geben. Sein Augenmerk richtet sich dabei nicht auf ethische Fragen, hierzu ist bereits entsprechende einführende Fachliteratur verfügbar (z. B. Engels (Hg.) 1999; Sass (Hg.) 1989). Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der Darstellung der theoretischen und begrifflichen Grundlagen der Biologie. In einigen Beiträgen wird aber die Beschränkung auf eine Beschäftigung mit den Theorien ausdrücklich aufgelöst, um die philosophisch meist wenig beachtete experimentelle Basis der Biologie in den Blick zu nehmen.
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